Wachtürme: Piraten auf Mallorca

Wenn wir Ausflüge unternehmen, versuche ich immer etwas zu finden, womit ich meine Jungs motivieren kann. Ein sehr guter Ansporn sind Piraten. Welch Zufall, dass Mallorca eine sehr interessante Piratengeschichte und sehr viele Piratentürme zu bieten hat.

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Game of Thrones am Mittelmeer

Runde Steintürme prägen die Silhouette Mallorcas schon lange. Die sogenannten Torres (spanisch) oder Talaies (Mallorquin), sind Wach- und Verteidigungstürme und befinden sich hauptsächlich an der Küste Mallorcas.

Alles begann damit, dass die Spanische Seemacht Teile Afrikas erobert hatte. Der dortige Emir wollte das nicht auf sich sitzen lassen und sandte Plünderer, um sich zu rächen. Er bat unter anderem Chaireddin Barbarossa, den Anführer einer gefürchteten türkischen Piratenflotte, um Hilfe und gab ihm einen Freibrief, durch welchen das anzügliche Piratentum plötzlich legal wurde.

Der Emir lebte nicht lange genug, um seine Rache genießen zu können. Ironischerweise wurde er von Piraten ermordet. Am Ende mehrerer Intrigen und Todesfällen kontrollierte Barbarossa alle Piraten im Mittelmeer.  Die sogenannten Beberisken-Kosaren aus den heutigen Algerien, Marokko und Tunesien kamen regelmäßig nach Mallorca, um zu  Plündern, um Menschen zu entführen und zu versklaven. Gelegentlich reihten zu den Korsaren aus Nordafrika auch noch Plünderer der Nachbarinsel Menorca. Menorca stand damals unter der Britischen Krone und Mallorca war demnach vogelfrei.

Piraten in Sicht

Die riesige Piratenflotte Barbarossas nutzte die Insel Cabrera südlich vor Mallorca als Stützpunkt. Sie überfielen hauptsächlich reiche Städte, wie Pollença, Alcúdia, Valldemossa und Andratx. Bei den Angriffen überrannten bis zu 1500 Piraten die Ortschaften. Aber auch kleinere Gemeinden waren vor den Plünderen nicht sicher. Häufig wurden die Menschen in die Sklaverei verschleppt. Fischer lebten in diesen Zeiten sehr gefährlich.

Antonio de Brugada (Own work) [CC BY-SA 4.0 or Public domain], via Wikimedia Commons

Die Spanische Krone beauftragte schließlich verschiedene Festungsbaumeister mit dem Bau der Piratentürmen. Die meisten Türme jedoch wurden jedoch von Joan Binimelis, einem mallorquinischen Mathematiker entworfen. Er plante die Türme klug. Der Eingang befand sich mehrere Meter über den Boden und war nur mit einer Leiter zu bewältigen. Unter der Erde befand sich eine mit Trinkwasser gefüllte Zisterne. Die Türme konnten somit Belagerungen standhalten. Trotz allem waren sie nicht unbesiegbar: Speziell der Wachturm auf Cabrera wurde sehr oft von Angreifern zerstört. Die Wachposten auf der Mallorca vorgelagerten Insel hatten den bestbezahltesten Arbeitsplatz aller Wachen, aber auch den gefährlichsten. Viele von den Wachposten dort ließen ihr Leben oder wurden verschleppt.

Im Falle einer Piratensichtung wurde bei Tag frisches Holz verbrannt, um ein Rauchzeichen zu senden. Nachts wurde trockenes Holz benutzt, um ein deutlich sichtbare Flammen zu erzeugen. Da die Türme strategisch immer in Sichtweite errichtet  waren, wurde dieses Signal schnell von Turm zu Turm bis zum Almudaina Palast in Palma weitergegeben. Von dort rückte die Flotte zur Verteidigung aus. Darüber hinaus warnten die Feuerzeichen die Anwohner der umliegenden Ortschaften und im Hinterland. Sie konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Die Schlacht von Sóller

Das Warnsystem funktionierte ziemlich gut, obwohl es gerade beim wichtigsten Kampf in Sóller zunächst versagte. Bei dem Angriff der Piraten 1561 auf den Ort ging fast alles schief. Man war von der Nachbarinsel Ibiza gewarnt worden und auf einen Angriff der Piratenflotte vorbereitet. Trotz allem erspähten die Wächter im Piratenwachturm sie zu spät. Der Bote, der mitteilen sollte, dass weit mehr Piraten als erwartet gelandet waren, erreichte das Heer nicht. Die Piraten hatten sich in zwei Gruppen geteilt. Die erste griff die bewaffneten Mallorquiner an, die zur Verteidigung aufgestellt waren. Der zweite Teil schlich über abgelegene Pfade, die nur ein Ortskundiger verraten haben konnte, in den Ort. Dort plünderten sie nach Herzenslust und nahmen viele Gefangene. Vor allem Frauen und Kinder.

Das mallorquinische Heer war den Piraten trotz Anfangsschwierigkeiten überlegen. Als sie im Siegestaumel in die Stadt zurückkehrten und dort auf die ebenfalls zu den Schiffen zurückkehrenden Piraten stießen, entfachte ein zweiter Kampf. Die Geschichtsschreibung aus der Zeit ist sehr heroisch. Angeblich gab es trotz des Durcheinander kaum Opfer auf Seiten der Mallorquiner. Historiker bemerken, dass der Sieg kaum ohne die Hilfe von Banditen stattgefunden hätte, die sich in den umliegenden Bergen mit ihren Hunden versteckt hielten. Ihnen wurde nach der Schlacht ihre Schuld erlassen. Fakt ist jedoch, dass dieser Kampf sehr einschneidend in der Identität der Mallorquiner war. So sehr, dass ab dem Folgejahr des Sieges jedes Jahr um den 11. Mai die Schlacht im Rahmen der Feier Cristianos y Moros (Christen und Mauren) wiederholt wird.

Ángel Cortellini Sánchez (Own work) [CC BY-SA 4.0 or Public domain], via Wikimedia Commons

Erfolg der Piratentürme

Nach dem ersten Sieg gegen die Piraten waren nur noch vereinzelte Piratenangriffe auf Mallorca erfolgreich. Barbarossas Flotte wurde am Golf von Patras zerschlagen. Danach kam es nur noch selten, jedoch immer noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts, zu Überfällen.

Die Wachtürme Mallorcas stehen mittlerweile unter Denkmalschutz und sollen nach und nach restauriert werden. Rund 25 Piratenwachtürme sind noch oder wieder in alter Form zu bestaunen. Und das allerbeste daran ist: Sie funktionieren noch! Im Januar 2017 wurden das erste Mal seit langer Zeit Rauchzeichen am Tag und Feuerzeichen in der Nacht einmal um die Insel gesendet. Im Januar 2018  wurde die Aktion wiederholt und es könnte gut sein, dass daraus eine interessante neue Tradition entsteht. Weitere Infos dazu findet ihr hier.

Die damaligen Ereignisse prägten die Mentalität der Mallorquiner sehr, sagt man. Bis heute seien sie Fremden gegenüber misstrauisch. Sie würden wohl auch nicht unmittelbar an der Küste leben, wenn der Tourismus nicht Einzug gehalten hätte. Statt Hotels würde man dann nur Piratenwachtürme, Bootsgaragen und Fischerhütten an der Küste sehen. Und eventuell den ein oder anderen Piraten.

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