Nuredduna: Tragische Liebe in der Höhle von Arta

Nureddunna: Liebesgeschichte in den Höhlen von Artà

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein Beitrag über die Höhlen von Artà entstehen. Neben den eindrucksvollen Höhlenkonstruktionen, war es aber vor allem das Zitat eines Gedichtes, das uns in den Bann zog. Die Geschichte der tragischen Liebe zwischen der Prophetin Nuredduna und einem griechischen Seemann.

Die Prophetin

Im Kreisverkehr, der am Paseo Marítimo in Palma nach Portixol führt, steht eine Bronzestatue auf einem Sockel aus Kalksandstein. Es ist die Figur einer jungen, hübschen Frau, die mit gesenktem Kopf auf das Meer hinausschaut und in einer Hand eine Leier hält.

Nuredduna: Gestorben in der Höhle von Artà

Das ist Nuredduna, die Enkeltochter eines Priesters, der vor über 3000 Jahren in dem talayotischen Dorf Ses Païsses bei Artà gelebt haben soll. Nuredduna hatte seherische Fähigkeiten. Sie war weise und in der Dorfgemeinschaft als Prophetin sehr angesehen.

Die griechischen Seefahrer

Ses Païsses, 1.100 v. Chr.

Mit im Wind wehenden Haaren stand die junge Priesterin Nuredduna auf einem Felsen an der Küste und beobachtete, wie mehrere Männer ihres Stammes in ihr Dorf zurückkehrten. Mit ihnen ging eine Gruppe Gefangener. Ausländische Krieger, Griechen, die auf ihrem Weg zum Festland vor der Küste gelandet waren.

Eine Gruppe dieser Krieger hatte sich wieder besseren Wissens mit einem Beiboot an Land und in den Wald gewagt. Die Stämme der wilden Balearen waren weithin berüchtigt: Sie schützten eifersüchtig ihr Land gegen jeden, der es wagte es zu betreten.

Die zwölf Gefangenen waren entwaffnet und gefesselt worden. Trotzdem hielt einer aus der Gruppe fest umschlossen eine Leier in seiner Hand. Nuredunna, die Prophetin ihres Volkes und heilige Jungfrau des Stammes beobachtete zuerst neugierig die Leier. Später dann die zarten Hände, die vor Anstrengung, mit der sie das Instrument hielten, zitterten. Als sei es das wertvollste, dass ein Besitzer hatte.

Vielleicht zitterte er aber auch vor Angst. Die Gefangenen befanden sich bereits auf dem Weg zu dem Altar des Dorfes. Die Männer des Stammes stapelten dort Brennholz für das reinigende Feuer. Der große Priester ging langsam auf sie zu, sein weißes Haar und sein langer Bart wehten im Wind. Die Prophetin setzte sich eine Krone aus geflochtenen Rosmarin auf den Kopf und machte sich auf den Weg. Sie wusste was das Schicksal vorsah.

Das Brandopfer

Jedoch konnte sie nicht aufhören den jungen Mann anzusehen. Sein hellenisches Gesicht, die weit aufgerissenen, strahlenden Augen und die dünnen Lippen, die unablässig zu murmeln schienen. Nuredduna spürte etwas in sich. Ein Gefühl. Ein Omen. Sie merkte, wie das Schicksal sich drehte.

Als die Sonne am Horizont verschwindet, sitzen die Gefangenen vor dem Altar. Der riesige Scheiterhaufen brennt schwer vor ihnen, während der Stamm um ihn herum tanzt. Nuredduna sitzt neben dem Priester, der mit erhobenen Armen die Götter anruft.

Die Gefangenen wissen um ihr unmittelbares und tragischen Endes. Mit gesenkten Köpfen verabschieden sie sich schweigend von ihrer Heimat, ihren Familien und beten zu ihren eigenen Göttern. Einer von ihnen sieht den jungen Mann mit der Leier neben sich an und sagt: „Melesigeni, falls die Muse und das Genie noch bei dir sind, singe doch zu unserem Abschied von dieser Welt!“ Und der Junge steht auf und beginnt auf der Leier ein Lied zu spielen und dazu zu singen.

Der Stamm reagiert mit Schreien und Drohen, verstummt jedoch auf ein Zeichen des Priesters, der auf Bitten Nureddunas seine Hand hob. Melesigeni singt nun in absoluter Stille, begleitet von seiner Leier und dem Knistern der Flammen. Die Melodie ist so rein, das sie auch ohne die Worte zu verstehen, verständlich ist. Die universelle Sprache der Musik wird mit der Seele wahrgenommen. Selbst die rauen Herzen der Entführer verstehen sie.

Nuredduna kann ihre Augen nicht von Melesigeni abwenden. Sie ist schockiert von diesem unbekannten Gefühl. Von der Trunkenheit der Seele.

Die Kraft der Liebe

Als Melesigeni sein Lied beendet, weinen die anderen Gefangenen, während die Stammesmitglieder ihn fassungslos anstarren. Sie verstehen seine Magie nicht. Ihre Herzen verhärten sich wieder und der Priester gibt den Befehl die Opferzeremonie fortzusetzen. Die Stammesmitglieder tanzen um das Feuer und die Griechen werden nacheinander zum Altar gebracht, wo ihr Blut für die Götter vergossen und ihre Körper in das reinigende Feuer geworfen werden.

Dann ist Melesigeni an der Reihe. Er sein Blut fließen kann, steht Nuredduna auf. Der Schleier, mit dem sie ihr Gesicht vor dem Tod verhüllt hat, fällt zu Boden. Sie hebt ihre Arme und spricht dringend: „Hört mir zu, Priester und Krieger! Dieser junge Sänger aus dem Ausland wird hier kein Blut vergießen. Er ist ein auserwähltes Opfer. Der unsichtbare Gott möchte, dass wir ihn lebend in der großen Höhle, seinem Tempel, einsperren. Opfert ihn in der dunklen Höhle!“

Einige Männer aus dem Stamm protestieren. Es sein nicht der Wille des Gottes der sprach, sondern die Barmherzigkeit der Prophetin. Doch der alte Priester unterbrach sie. Es sein keine Gnade, den schnellen Tod gegen einen langsamen und schmerzhaften in der Höhle auszutauschen. Er warnte sie an den Visionen seiner Enkelin, der heiligen Prophetin Nuredduna nicht zu zweifeln.

Die Höhlen von Arta

So wird also der Vorschlag der Prophetin befolgt und Melesigeni fortgebracht. Er wird entlang eines Weges zur Küste gebracht und von dort auf einem Felsenweg bis zum Eingang einer Höhle am Meer geführt. Da die Höhle heilig ist, ist den Stammeskriegern der Eintritt versagt. Sie warten am Eingang, während der Priester mit Nuredduna und dem Gefangenen in die Höhle geht. Weit unten in der Tiefe gelangen sie an einen Altar inmitten eines großen Gewölbes. Dem Ritual folgend setzt Nuredduna Melesigeni eine Blumenkrone auf. Sie gibt ihm ein mit Kräutern aufgegossenes Getränk zur Betäubung und kettet ihn an den Altar. Die Leier legt sie neben ihn.

Melesigeni verzweifelt im Anblick seiner letzten Qual, in völliger Dunkelheit, als er zwischen Tränen in der Ferne ein Licht zu sehen scheint. Es tanzte erst schwach an den Wänden des Tunnels. Dann sieht er Nuredduna, mit einer Fackel in der Hand. Sie befreit ihn von den Ketten. Er versteht ihre Sprache nicht, aber spürt die Zärtlichkeit in ihren Worten und sieht die Liebe ihres Blickes. Zusammen verlassen sie die Höhle und Nuredduna führt ihn die Felsen am Meer entlang bis das große griechische Schiff in Sicht kommt. Sie zeigt nach unten. Dort liegt ein kleines rustikales Boot. Am Horizont ist das orange Licht der Morgendämmerung zu sehen. Melesigeni und Nuredduna sehen sich an. Ihre Augen sind voller Dankbarkeit, Zärtlichkeit, Liebe und dem Schmerz einer bevorstehenden Trennung. Das ist der Abschied.

Als Melesigeni zu seinem Schiff aufbricht, kehrt Nuredduna in ihr Dorf zurück. Bevor sie dort ankommt, kommt ihr ein Teil ihres Stammes entgegen, die ihr vorwerfen den Ausländer gerettet, statt geopfert zu haben. Mit fester Stimme sagt sie: „Ich habe die Stimme deutlich gehört. Ich habe sie in meinem Herzen gehört. Sie sprach von Liebe und davon, dass ihm Opfer des Grauens nicht gefallen. Das allen Mitmenschen Brüder sind. Das war der Wille des unsichtbaren Gottes.“

Die Steinigung

Im Angesicht dieser Gotteslästerung gerät der Stamm in Rage und steinigt Nuredduna, die schwer verwundet in die heilige Höhle flüchtete. Die anderen wagten es nicht ihr dorthin zu folgen. Im Dunklen steigt die Prophetin immer weiter in die Tiefe, bis sie mit der einen Hand den Altar, mit der anderen die Leier Melesigenis ertastet.

Sie setzte sich auf den Altar, die Leier fest in ihren Armen, das Gesicht voller Tränen. In Dunkelheit, Einsamkeit und absoluter Verlassenheit hört sie Stimmen, die aus einer anderen Welt zu kommen scheinen. Dort sitzt sie auch heute noch. Versteinert, durch die Zeit verformt und zwischen den anderen Steinformationen unsichtbar für all jene, die nur mit den Augen sehen.

Die Felsen der Höhlen von Artà, stille Zeugen der tragischen Liebesgeschichte, flüstern seitdem die eine, besondere Zeile, die auch als Zitat an der Höhlenwand zu finden ist.

Per un batec de l´ànsia amb què ton cor expira, daríem les centúries de calma que tenim

Für einen Schlag des Herzens, das in Angst stirbt, würden wir all die Ruhe von Jahrhunderten geben.

Die Tragödie geht weiter

Damit ist die Legende jedoch noch nicht zu Ende erzählt. Melesigeni ist nicht nur auf sein Schiff gestiegen und davon gefahren. Er ahnte, was Nuredduna erwarten würde, wenn ihr Volk herausbekam, dass sie ihn befreit hatte. Er überzeugte die gesamte Besatzung den Tod ihrer Kameraden zu rächen. Sie stürmten die Siedlung Ses Païsses und ließen keinen Stein auf dem anderen. Das war das Ende des Stammes.

Nuredduna fand er nicht wieder. Ihr Geist, sagt man, wandert ziellos und schmerzerfüllt durch die Höhlen. Die Leier fest im Arm. Manche sagen sogar, dass man sie an klaren Nächten, wenn der Mond hell scheint, vor den Höhlen von Artà sieht. Die Figur einer jungen hübschen Frau, mit wehenden Haaren, die sehnsüchtig den Horizont absucht.

Das mallorquinische Gedächtnis

Skulptur von Nuredduna am Paseo Maritimo in Palma

Die Geschichte von Nuredduna stammt aus der Feder des mallorquinischen Dichter Miquel Costa y Llobera. Sein Gedicht „La deixa del geni grec“ (Das Vermächtnis des griechischen Genius), aus der Sammlung Tradicions i Fantasies gewann kurz nach der Veröffentlichung schon Literaturpreise und wurde 1947 als Oper vertont.

1997 wurde ein vom Observatorio Astronómico de Mallorca entdeckter Asteroid nach Nuredunna benannt.

Die Skulptur der Nuredduna befindet sich auf der Promenade Can Pere Antoni und wurde 1971 von der Gemeindeverwaltung in Palma in Auftrag gegeben. 1975 wurde sie fertiggestellt, danach aber fast vergessen. Erst 1995 wurde sie zu ihrem jetzigen Standort gebracht. Dort steht die Prophetin seitdem und schaut mit melancholischen Blick auf das Mittelmeer, von wo einst ihre große Liebe herkam und sie in eine Legende verwandelte.

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