Mallorcas Piratenwachtürme leuchten wieder

Von unserer Vorliebe für Ausflüge zu den Wachtürmen habe ich bereits im letzten Jahr berichtet. Lange Zeit leuchtete das Küstenkommunikationssystem des Historikers und Mathematikers Joan Binimelis nicht mehr. Schlimmer noch: Die Türme verfielen. Von ehemals 60 Türmen Inselweit sind nur 26 so gut erhalten, dass sich eine Restauration lohnen würde. Dabei sind sie ein Teil der mallorquinischen Identität

Mallorcas Wachtürme leuchten wieder
Foto via Facebook

Die Angst vor Plünderern

Vom 16. bis 19. Jahrhundert lebten die Menschen an der gesamten Mittelmeerküste äußerst unsicher. Korsaren, Plünderer und Piraten suchten die Küstengebiete heim, belagerten Ortschaften und verschleppten Menschen in die Sklaverei. Die instabile Situation hat sich so in die Mentalität der Mallorquiner eingeprägt, dass selbst heute noch Redewendungen aus der Zeit existieren. Wie:

Ara que no hi ha moras a la costa.

Übersetzt heißt das: Jetzt wo die Mauren nicht mehr vor der Küste liegen, die Luft also rein ist und man keine bösen Überraschungen zu erwarten hat. Auch Dorffeste mit der Thematik „Mauren gegen Christen“ zeigen, wie tief das Erlebte noch im Bewusstsein der Insulaner sitzt.

Talaies de Mallorca. Die Wachtürme

Die Wachtürme änderten die Situation jedoch komplett. Entworfen und durchdacht von Joan Binimelis, bildeten sie ein Wachsystem, dass der Plünderei zunächst einmal etwas entgegensetzte. Binimelis war unter anderem Mathematiker. Er berechnete in welchen Abstand die Türme stehen mussten, damit das Lichtsignal den nächsten Turm erreichen konnte. Die Wachtürme Mallorcas sind also auch noch ein Paradebeispiel von angewandter Mathematik. Die meisten der Wachtürme befanden sich an der Küste. Es gab aber auch einige Festungsanlagen im Inneren der Insel. Zum Beispiel das Castell de Alaró, dass wie auch der Puig de Sant Salvador, Sineu, Algaida, Muro am Leuchtfeuer-Transit teilnahm.

Mallorcas Wachtürme leuchten wieder
Foto via Facebook

Früher galt es, das Lichtzeichen schnell nach Palma, zur Residenz des Königs oder Stadthalters zu senden, damit von dort Unterstützung ausrücken konnte. Und auch heute funktioniert das ganze noch. Die Leuchtzeichen im 20. Jahrhundert wurden von Palma aus in beide Richtungen entsendet. In weniger als einer halben Stunde umrundeten sie die Insel einmal komplett. Am Abend wiederholte man das ganze noch einmal mit Feuer. Denn genau so funktionierte das Warnsystem auch damals: Am Tag mit Rauch. In der Nacht mit Feuer. Das System funktioniort noch. Und nicht nur das: Es funktioniert fast besser als moderne Leuchtürme.

Wachtürme für Menschenrechte

Ganz ohne Grund lief die Aktion natürlich nicht. Zum einen ehrte man damit Binimelis, dem Genie hinter dem System. Seit Tod jährte sich 2016 zum 400. Mal. Zum anderen wollten die Organisatoren auf den miserabelen Zustand der meisten Türme und somit des mallorquinischen Erbes aufmerksam machen.

Aber die Aktion soll nicht nur an die Vergangenheit erinnern, sondern auch ein Lichtpunkt im Mittelmeer markieren. Es soll auch an Menschen erinnern, die auf ihrer Flucht von Krieg und Gewalt im Mittelmeer ihr Leben gelassen haben. Hier ein Auszug aus dem Manifest, frei aus dem Katalanischen übersetzt:

In der Zeit des Internets, in der Geschwindigkeit oft nur in „Megas“ gemessen wird, ist das Kommunikationssystem der alten Wachtürme Mallorcas mehr als überholt. Doch in seiner Zeit, rettete ein jeder dieser Türme Menschenleben vor den  Gefahren, die im Mittelmeer lauerten. Die Gefahren früher waren die Piraten. Die Gefahren von heute sind subtiler und sollten uns Menschen beschämen.
[…]
[Die Aktion] soll denen eine Stimme geben, die sie auf der Suche nach einem besseren Leben ihr Leben verloren haben. Die Türme sollen aber auch ein Licht für alle sein, die immer noch auf der Suche sind.

Wenn ihr der Aktion, die sicher in den nächsten Jahren wiederholt werden wird, folgen wollt, könnt ihr das auf der Facebook-Seite der Initiatoren tun (leider nur auf Mallorquin).

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